Wer die Brennnessel nicht als Heilpflanze anwenden möchte, kann sie auch anderweitig nutzen. Sie ist eine altbekannte Faser- und Färbepflanze:

Im Märchen der Gebrüder Grimm „Von den sechs Schwänen“ erlöst ein Mädchen sechs in Schwäne verwandelte Burschen, indem sie ohne zu sprechen aus Nesseln sechs Hemden näht. Diese verwandeln die Schwäne in Männer. Das Märchen beruht, was die Nesseln angeht, auf Tatsachen: Im Mittelalter konnten sich Tagelöhner und einfache bauern das feine Leinen nicht leisten. Das war den Kaufleuten und dem Adel vorbehalten. Daher wurden in armen Gegenden mühselig die Fasern der Nessel aus den Stängeln gewonnen und zum Stricken und Weben gebraucht. Schon die Germanen stellen aus den Fasern der Brennnessel Schüre und Seile her. Die Fasern der Nessel haben im Gegensatz zu denen aus Flachs Knoten und brechen leichter.

Anleitung: stabile Schnur aus Brennnessel

Zutaten: einige möglichst lange und starke Stängel der Brennnessel (Blätter vorher abzupfen), Eimer, Wasser, handlicher breiter Stein, Platz – z. B. eine Terrasse, Zeit, Geduld

Vorbereitung
Für eine Schnur werden einige möglichst lange und starke Stängel geschnitten und einige Tage in einen Eimer mit Wasser gelegt bis sie einen schleimigen Griff haben. Dann werden die Stängel der Länge nach auf den Boden gelegt und mit einem Stein breit gewalzt. Sie brechen so der Länge nach auf. Innen ist der Stängel holzig und besitzt außen eine grüne Haut. In dieser sind die Fasern erhalten. Nun nimmt man eines der Bruchstücke in die Hand, so dass nur noch pi mal Daumen drei Zentimeter der Bruchstücke herausschauen. Dann bricht man den holzigen Teil der Pflanze weg, ohne die Außenhaut zu beschädigen. Das wird so lange wiederholt bis nur noch diese Haut in der Hand zurückbleibt. Diese ist jetzt nur noch ein Faserverbund bei dem nur noch der holzige Verbundstoff entfernt wird. Dieser wird Stück für Stück zwischen den Fingern gedreht bis der Verbundstoff herausbröselt und die Fasern erscheinen. Das macht man nun mit jedem der Bruchstücke.

Herstellung
Man nimmt die vorbereiteten Fasern in der Mitte des Stranges fest zwischen die Daumen und Zeigefinger beider Hände. Mit der rechten (oder starken) Hand dreht man den Strang von sich weg, mit den Fingern der linken (oder schwächeren) Hand verdreht man den Faserstrang zu sich hin. Wenn man die Spannung des Stranges etwas herabsetzt, dann bildet sich durch das entgegengesetzte Verdrehen eine Schlaufe im Strang. Diese Schlaufe nimmt man nun zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, so dass die beiden Stränge nach rechts fallen, der hintere Strang soll dabei höher liegen als der vordere. Der hintere, höher liegende wird nun von sich weg verdreht.
Ist er fest verdreht, wird er nach vorne geholt.
Der ehemals vordere Strang liegt jetzt hinten über dem gerade nach vorne geholten Strang. Jetzt wird der hintere Strang wieder von sich weg verdreht, bis er fest verdreht ist und dann wieder nach vorne geholt. Dieser Vorgang wird solange wiederholt bis die Schnur ihre gewünschte Länge erreicht hat. Während dieses Vorganges müssen von Zeit zu Zeit Daumen und Zeigefinger der linken Hand entlang der Schnur verschoben werden. Weitere Faserstränge werden während des Verdrehens in die Schnur mit eingearbeitet, damit die Schnur auch die gewünschte Länge erhalten kann.

Es liest sich deutlich komplizierter als es wirklich ist. Nur Mut!
Von Frühjahr bis Herbst können Sie Schnüre herstellen. Wenn Sie den Dreh selbst heraus haben, können Sie es auch zusammen mit Jugendlichen versuchen. Kindern fehlt in der Regel die Geduld.